Das große Laufbuch der Trainingspläne

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Vor ein paar Jahren habe ich von diesem Marathon erfahren. Im Hinterstübchen war er immer präsent. Seit Sommer 2019 hatte ich dann den Anmeldetermin im September im Kalender vermerkt, und jetzt sind wir da.

5,5 Stunden fährt man staufrei von Linz nach Bad Salzungen, die Wartburg ist nicht weit. Dieser Kurort in Thüringen ist schmuck und nicht allzu groß, ideal um in kurzer Zeit bei Sonnenschein besichtigt zu werden. Das machen meine Frau Evi, Günter und ich. So große Gradieranlagen wie hier habe ich noch nie wo gesehen. Fürs Abendessen haben wir einen Tisch im Bella-Vista reserviert. Markus und Silke Pitz stoßen zu uns. Die beiden sind in NRW zuhause und kommen öfters nach OÖ, wir kennen uns seit 2012 vom Über-Drüber-Marathon in Kirchdorf. Markus ist hier vor einigen Jahren schon einmal gelaufen. Er weiß also, worauf er sich da einlässt. Eine Abordnung aus dem Salzburger Land wird morgen ebenfalls an den Start gehen.

Gut, dass uns in der Pension Morgenweck Familie Fender über den Weg läuft. Birgit weiß, dass man viel früher am Start sein muss als man bei einer Startzeit von 11h00 meinen könnte. Schon um ½ 9 sind wir Sonntag morgen beim Bergwerk und das passt gerade, denn bis ½ 10 müssen alle +/- 650 Teilnehmer samt Begleiter/in unten sein.

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Zum Transponder und der Startnummer bekommen wir einen „Wurst“-Gutschein und ein Handtuch. Evis Besucherkarte (€ 28), vor Wochen zugesandt bekommen, wird auf eine blaue Fahrmarke umgetauscht, damit darf Evi dann in den Aufzug und runter fahren. Jede Person wird exakt erfasst, die Läufer über ihre Startnummer. Helmpflicht(!) und wir betreten den Aufzug. Laut scheppernd fallen die Türen ins Schloss, so wie früher in Alcatraz, vermute ich. Ein Knappe in weißem Arbeitsanzug drückt einen Knopf. 3stöckig und 2 Liftkabinen nebeneinander geht es mit den 6 Kabinen rasend schnell Richtung Erdmittelpunkt.

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Ein bisschen eng ist es in der niedrigen Kabine und ziemlich warm. Mit einer Geschwindigkeit von 8m/sec dauert die Fahrt etwa 90sec. Unten angekommen werden wir durchgeschleust, im wahrsten Sinne des Wortes. Erst wenn alle in der Schleuse sind, darf gegenüber die andere Tür geöffnet werden. Das ist notwendig, damit die Belüftung, bergmännisch: das Wetter, kontrolliert werden kann. Auf der anderen Seite warten eine ganze Menge gelber Cabrio-LKW auf uns. Wir nehmen auf Bänken auf deren Ladefläche Platz. Rasend schnell braust man mit uns mehrere km durch die Stollen, mit Hinweisen unterwegs, dass dieser oder jener Abschnitt teil der Laufstrecke wäre. 500m schnurgerade bergauf, links, 15% Gefälle, einmal ist die Decke gar nur 2,4m hoch. Sehr beeindruckend und spannend das Alles. Ich muss lachen. Tunnelblick einmal anders. Rund um uns, egal in welche Richtung: Salz! In der Halle stehen Sessel in Reih‘ und Glied. Wir suchen uns einen freien Stuhl als Basislager. Die Temperatur, etwa 21°C, habe ich mir unangenehmer vorgestellt. Man bläst Nebel in die Konzerthalle, viele Konzerte fanden hier schon statt, und hat somit für die Lasershow eine perfekte Projektionsfläche. Bevor die 10km-Läufer loslegen wird gespielt und gesungen: „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt! Und er hat sein helles Licht bei der Nacht...“ Das Lied kenne ich seit ich ein Kind bin. Aber die vielen Strophen ganz ohne Textblatt, da muss ich bald aussteigen. Dieser Raum, 250m x 22m bei 17m Höhe war ein Großbunker. Hier wurden bis zu 50.000 Tonnen Salz zwischengelagert. Ein fast 150to schwerer Schaufelradbagger, der das alles ausgehöhlt hatte, ist heute beeindruckende Dekoration. Wie man hört, ist das der größte unterirdische mobile Bagger der Welt. 1945 war der Berg eine Schatzkammer, Goldreserven und Kunstgegenstände aus den Berliner Museen waren hier vor den Bomben der Alliierten sicher.

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Das Gold ging als Kriegsbeute nach Amerika, viele der Kunstgegenstände fanden später den Weg zu ihren rechtmäßigen Eigentümern. Das Bergwerk in sowjetischen Besitz. Es war einmal. Ich schätze meine Leistung richtig ein und starte relativ weit hinten. Bruttozeitnehmung, ich schenke also etwas Zeit her, egal. Für die ersten 39km darf ich 5 Stunden brauchen, dazu ist ein Schnitt von unter 25min/Runde erforderlich. Das sollte zu schaffen sein. Mit dieser Cut-off-Zeit stellt man sicher, dass nach 5h30 das Rennen zu Ende ist, auch dann, wenn man/frau sich für die letzte der 13 Runden à 3,25km etwas Zeit lässt. Die Start-Ziel-Gerade in der Halle ist der einzige flache Streckenteil des ganzen Kurses. Ansonsten entweder Anstieg oder Gefälle. 425 Starter verlassen die Halle und es geht hinauf. Erst laufen noch alle, es wird steiler, einige gehen, dann wieder weniger steil.

Die Strecke ist mit Leuchtstoffröhren dürftig aber ausreichend beleuchtet. Ich habe einen LED-Lenser um den linken Oberarm, brauchen werde ich ihn nie. Eine funktionstüchtige Lampe dabei haben ist aber ein Muss. Wir kommen an einen Knotenpunkt, hier tangiert sich die Strecke. Man kommt von unten und biegt rechts ab, der Gegenverkehr kommt von oben und biegt auch rechts ab. Gegenverkehr gibt es jetzt noch keinen. Hier wird Musik gespielt und einer bimmelt ausdauernd mit einer kleinen Glocke. Eine kleine Lichtorgel wurde auch installiert.

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Laufen mit Helm ist so eine Sache. Ich war der Hingucker im FitnessStudio als ich beim Testlauf eine Stunde damit auf dem Laufband war. Geschwitzt habe ich unter dem Helm wie verrückt. Hier ist es zum Glück nicht annähernd so wild. Ich nehme es vorweg: Der Helm stört mich die ganze Zeit kein bisschen. Auch die Temperatur empfinde ich als angenehm. Der meist schwarze Untergrund spiegelt extrem, sieht so aus, als wäre er rutschig. Ist er nicht, man hat richtig guten Grip, sogar als es so steil runter geht. Dabei ist der steinharte Salzboden nie glatt, immer gibt es Spurrillen oder sonstige Rippen. Meine Fußsohlen werden ganz ordentlich durchmassiert. Nichtsdestotrotz, es gibt hier Leute die laufen barfuß! Oder mit vielen bunten Lämpchen und Blinklichtern am Körper. Spitzkehre an der Lichtorgel, es geht in Wellen runter, rechts in einer Bucht stehen leere Stühle vor einer Leinwand, ein kleiner Kinosaal, richtige Toiletten gibt es da auch. Kompression, Gegenanstieg, auch mit wechselnder Neigung.

Die Höhe wechselt immer wieder, die Breite auch. Einmal abgeschabte Wände, dann wieder Felsbrocken beiderseits des Tunnels. Es ist schon ein bisschen unwirklich. Zu Beginn noch im Pulk zieht sich das Feld der Läufer bald auseinander. Die zweite Labestelle wird beim ersten Durchlauf noch kaum geschätzt, das wird sich ändern. Leicht ansteigend geht es weiter, dann ein Rechtsknick und laut Fahrer 500m lang schnurgerade konstant bergauf. Nicht steil, aber bergauf. Gegen Ende der Geraden hat rechts vor Jahren eine kleine Grubenbahn ihre endgültige Parkposition erreicht.

Von Runde 5 – Runde 9 werde ich diesen Anstieg durchlaufen, dann nicht mehr. Anstrengender meines Erachtens ist in Folge das Gefälle, das teilweise sehr steil ist. Man ist gut beraten, die Schuhe – so man welche an hat – fest zugebunden zu haben. Nicht, dass man im Schuh herumwetzt und sich schmerzhafte Blasen einfängt. Kaskadenartig geht es runter. Dann die Schnittstelle, rechts, leichter Anstieg und weiter runter. Scharfe Rechtskurve, Gefälle, U-turn, hier parken LKW um Besucher zu den Salzgrotten zu fahren bzw. zum Lift um das Bergwerk zu verlassen. Vor mir geht es nun in drei Geländestufen bergab, man hört schon den Sprecher aus der Halle. Gegenanstieg, bevor der finale Abstieg zur Halle erfolgt. Zwischenzeit, meine erste Runde dauerte keine 21min. Mein Tempo auf den nächsten 4 Runden ist ganz ähnlich und dient dem Streckenstudium. Ich habe für mich festgelegt, an welchen Abschnitten ich Kräfte schonende Gehpausen einlege. Zwei Labestellen pro 3,25km ist viel, zum Glück. Die brauche ich auch.

Der Versorgungsposten am Ende der Halle hat alles was das Herz begehrt: Obst, Brezel, kleine Schmalzbrote, Salz (no na), PowerGels mit Koffein, Wasser, Iso, Cola und nach etwa drei Stunden kommt sogar noch Krombacher 0,0% dazu. Nicht ganz so üppig bestückt ist die zweite Labe im Berg. Aber verdursten wird hier keine(r) und Hunger leiden muss auch niemand. Dafür sorgen die freundlichen Helfer. Gegen Ende der dritten Runde kommt mir eine Gruppe Besucher entgegen, mit dabei Evi. Die Gruppe ist unterwegs zur Kristall-Bar.

Mit dem LKW geht es auf etwa 800m „Teufe“ runter, in der dortigen Kristallhöhle gibt es durchsichtige Salzkristalle, die haben Würfelform, mit bis zu 1m Kantenlänge. Evi ist begeistert, ich als Läufer habe leider keine Möglichkeit das zu sehen, es gibt aber Fotos und im Internet Videos darüber. Dafür habe ich ein ganz anderes Erlebnis. Nämlich diesen Marathon hier, es ist der tiefste der Erde. Am See Genezareth findet der Tiberias-Marathon statt (der nächste am 1.1.2021).

Dort in Israel verläuft die Strecke 200m unterhalb des Meeresspiegels. Bad Salzungen liegt auf 240 ü.d.M. Zieht man die 500m ab laufen wir hier auf etwa 260m unter dem Meer. Rekord! Somit bleibt dem Tiberias-Marathon der Rekord, der tiefstgelegene oberirdische Marathon der Welt zu sein. Canned Heat höre ich, „Going up the country“ aus Woodstock-Zeiten, nicht viel jünger in der letzten Runde ist „Get in on“ von T. Rex. Im Vergleich dazu neu ist Joe Cocker‘s „Aber lass‘ dein‘ Helm auf“. So ähnlich halt auf englisch. Wie passend. Nicht nur mit der Versorgung, auch mit der gebotenen Musik bin ich äußerst zufrieden.

Während der Salzburger Georg Kreer, seines Zeichens 2017 Vize-Weltmeister im Vertikal-Marathon, drei Mal an mir vorbeihuscht, hat der Zitzenbacher Fredl, jedesmal wenn er mich überholt, ein paar nette Worte für mich. Beim dritten Mal ist er schon auf seiner letzten Runde, da bin ich erst auf meiner 10. Das ist meine Regenerationsrunde, Kräfte sammeln, bevor mir der Bums in den Beinen ausgeht. Die Oberschenkel müssen auf den steilen Bergabpassagen mein Gewicht abfangen, das ist viel Arbeit. Nach der 10. Runde sehe ich, dass ich mit der Cut-off-Zeit gewiss kein Problem haben werde. Schon ab Runde 11 geht es mir wieder besser, ich mache Platz um Platz gut. Wäre das Rennen nur lange genug, irgendwann wäre ich Erster! Ich fange sogar an, zu überrunden! 4h06 für 11 Runden, ich werde unter 5 Stunden reinkommen, juhuu!

Als mich gegen Ende der 12. Runde Markus überrundet ist er noch nicht so entspannt, er will unter 4h30 rein und schafft das auch. Trotzdem er unterwegs Fotos gemacht hat! Auf der 13. Runde ist nicht mehr so viel los, man hat schon begonnen, die Labestellen abzuräumen. Ich werde mein Ziel erreichen, es geht mir hervorragend und was kümmert mich mein erwartbarer Muskelkater von übermorgen? Wie singen die 7 Zwerge im Bergwerk: „Hi ho, hi ho, wir sind vergnügt und froh!“ Genau, das bin ich auch. Und Gott sei Dank ein bisschen verrückt. Und jetzt mit 4h54 im Ziel. Lässig, 4h54 hatte ich bisher noch nie. Informiert von Evi gratuliert mir der Sprecher zu meinem 187. Marathon, Markus knipst und Günni – so nennt ihn der Sprecher – ist längst schon in der Regeneration.

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2min bevor die Cut-off-Zeit schlagend wird nehmen noch einige ihre Schlussrunde in Angriff und bevor die 5h30 um sind, erreichen alle glücklich das Ziel. Jeder der raus will wird genau registriert, damit ja niemand zurückgelassen wird. Wir werden zu einem gelben Cabrio-LKW geleitet, der uns sodann im Eiltempo zu den Aufzugskabinen bringt. Bei dem Tempo werden die subterranen Strecken ganz eng und niedrig. Mit diesem Erlebnisfaktor kommt sicher kein Jahrmarkt-Fahrgeschäft mit! O-Zitat vom Fahrer: „Ihr wollt ja bald nach Hause, nicht wahr?“ Er scheinbar auch. Oben ist es windig, mild und noch hell. Wahnsinn, was für ein Tag! Wir waren gut acht Stunden im Berg, das ist eine komplette Schicht. Bei Resttageslicht machen wir in Bad Salzungen einen Abendspaziergang rund um den zentralen Burgsee. Abendessen wieder im Bella-Vista weil es sich bewährt hat und abermals ist alles perfekt. Alles richtig gemacht!

Sieger: Johannes Plöttner 2:41:35 Markus Scheller 2:54:51 Johannes Haueis 3:00:30

Siegerin: Julia Fatton 3:31:50 Silke Schütt 3:41:04 Rebecca M. Kretzschmar 3:43:38

180 Marathon-Finisher (23w + 157m, bei 1+4 DNF)

235 Finisher beim Halbmarathon (darunter 18 Marathonstarter)

Startgeld für den Marathon 70,- EURO Kleine Finishermedaille, sieht aus wie die Fahrmarke, die man für den Eintritt braucht

2 Labestellen pro 3,25km, (Cola, Brote, PowerGels, Wasser, Iso, Obst …)

1 Handtuch, Urkunde zum Download, Rundenprotokoll gleich nach Zielankunft Express-Shuttle-Service im Berg auf der Ladefläche eines gelben Cabrio-LKWs

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