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Ganze sieben Starts und Landungen pro Woche hat der Flughafen Heringsdorf auf Usedom gemäß Sommerflugplan. Die einzige Linienmaschine die am Freitag kommt ist eine Dash 8 der austrian aus Linz die somit ideal ist für den Marathon am Samstag. Die restliche Woche bis zum Rückflug ist dann Urlaub – herrlich!

Die Bahnfahrt von Usedom nach Wolgast dauert 1 Stunde. Evi und ich fahren hin um meine Startnummer am dortigen Fußballplatz abzuholen, dann besichtigen wir die überschaubare Innenstadt. Wolgast ist der Zielort des 39. Usedom-Marathons und liegt zum Teil auf der Insel, das Ziel jedoch auf deutschem Festland.

Freitag früh warte ich am Bahnhof Heringsdorf auf den Bus ins polnische Świnoujście (dt.: Swinemünde, 42.000 Ew, großer Fährhafen), mit mir drei weitere Marathonis, keiner von uns kennt die Strecke. Pünktlich kommen drei Busse die schon gut besucht sind. Ich sitze neben Claudia aus Rendsburg, es wird ihr zweiter Marathon werden. Ihr Freund ist verletzt, der muss leider zusehen.

Wir müssen einen bestimmen Grenzübergang benutzen und fahren deshalb einen gehörigen Umweg. Für die 6km bis zum Start brauchen wir 40min, das hätten wir in der Zeit locker laufen können! Wegen der Einbahnregelungen findet der Fahrer nicht gleich zum Start, daher ist es kurz etwas stressig als wir endlich aussteigen dürfen, insbesondere für die Damen.

Die Sonne scheint, es ist angenehm kühl. Luftlinie zur Ostsee keine 100m. Wir werden zweisprachig zum Start gebeten. Eine Gedenkminute: „Vor genau 79 Jahren haben deutsche und polnische Soldaten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs aufeinander geschossen. Heute laufen Deutsche und Polen gemeinsam Marathon!“  Daraufhin applaudieren alle. 216 Marathonis stehen am Start, dazu einige Staffelläufer. Die Halb-Marathonis hingegen haben zur gleichen Zeit Start und Ziel in Wolgast.

Der Start erfolgt im 09h30. Auf grob verlegtem Betonpflaster laufen wir gegen die Sonne. Die Spaltmaße sind beachtlich, zumal keine Fugenmasse verwendet worden ist. An Marktständen kann man alles Mögliche kaufen, vom ungarischen Baumkuchen bis zur Damenoberbekleidung. Außerdem wird hier eifrig gebaut. U-Turn nach 500m und dann immer nach Westen, nun auf Asphalt. Auch hier Häuser aus der Kaiserzeit. Nach 1,5km geht es in einen Kiefernwald, die Luft ist super, der Belag des neuen Radweges auch. Nach 2,5km überqueren wir die Grenze nach Deutschland. Wir laufen weiter im Kiefernwald mehr oder weniger parallel zur Ostseeküste, ein kühles Lüftlein umweht uns. Höhenmeter so gut wie keine, läuft man rechts, hat man Schatten.

Links weg wären es nur 500m zum Sandskulpturen-Festival an der dt./poln.-Grenze.

Rechts von uns hinterm Wäldchen der FKK-Strand von Ahlbeck, links von uns ein Jugendferienpark mit großen Zelten. Bald von Villen und kleinen Hotels abgelöst. Die meisten stammen aus der Kaiserzeit, v.a. Ende 19., Anfang 20. Jahrhundert. Die, die neu gebaut worden sind passen zu den alten. Alles sehr stimmig. Ahlbeck ist das erste der drei Kaiserbäder. Hineinragend in die Ostsee die Ahlbecker Seebrücke mit Restaurant und ihren vier Türmchen, ursprünglich von 1882. Beflaggt ist sie mit den Fahnen der Ostsee-Anrainerstaaten. Die hölzernen Stützen wurden durch Stahlträger ersetzt, auch die Aufbauten wurden erneuert, die Seebrücke ist nun eine beliebte Flaniermeile.

Der Schatten ist weniger geworden, die Urlauber mehr. Sowohl jene zu Fuß als auch die am Rad. Mit den Radlern müssen wir uns den Radweg teilen, ebenso müssen wir auf die Spaziergänger achtgeben. Denn viele sehen nicht nach links und nicht nach rechts, wenn sie den Radweg queren. Das Bild in Heringsdorf ändert sich wenig, außer dass mich Familie Felber anfeuert und wenig später Evi mit der Kamera an der Strecke steht. 6,5km waren es bis zum Upstalsboom Hotel, flach geht es weiter.

Der Radweg macht einen Rechtsbogen, vorbei am „Chapeau Rouge“-Theaterzelt und unter der Seebrücke von Heringsdorf durch, über mir applaudierende Urlauber. 508m ist die Seebrücke lang. Sie ist mittig durch eine Glaswand geteilt, sodass einen nicht gleich der Wind holt, wenn es einmal etwas stärker bläst. In der Pyramide am Ende ist ein italienisches Restaurant untergebracht.

Links oberhalb lädt der weltgrößte Strandkorb ein. Mit 6,4m x 3,33m bei 4,15m Höhe soll er Platz für bis zu 91 Personen haben. Eine Videowall im Wasser ermöglicht Open-Air-Kino. Nach Heringsdorf laufen wir durch Bansin, das dritte Kaiserbad, die Architektur unterscheidet sich wenig von Heringsdorf und das ist gut so. Leicht wellig ist hier das Streckenprofil. Nach 58min bin ich bei km10.

Der Radweg führt in rechtem Winkel links rauf, rechts in die Bergstraße, eine kleine Kompression und dann rauf in den Wald, noch auf Asphalt. Km11, und gleich wieder runter, und wieder rauf. Wie auf einer Achterbahn fühlt man sich. Hier zu laufen ist so anstrengend wie es unterhaltsam ist. Das taugt mir. Noch ein Stück, dann endet der Asphalt, es geht auf einem Waldweg weiter. Dieser ist weiterhin kurvig und wellig.

16% Gefälle, „Radfahrer absteigen“. Nicht alle halten sich an das Schild. Das heißt, die Radfahrer brausen mit enormem Tempo an dir vorbei um den Schwung für den nächsten Anstieg mitzunehmen. Weitere 16%-Schilder werden folgen. Dieses ständige, kurzfristige Auf und Ab ist am Streckenprofil nicht erkennbar. Als es kurz bewölkt ist wird es im Wald düster. Wie gut, dass ich mich für ein quietschoranges Shirt entschieden habe.

Das lustige Waldstück dauert bis km13. Wir überqueren eine Kontrollmatte und kommen auf die Zufahrtstraße zum Campingplatz Bansin. Ein mit Hand geschriebenes Schild weist auf einen Brennholzverleih(!) hin. Die Asche bitte gebündelt retournieren! Steht auf einem zweiten.

Hier geht es relativ eben weiter, wegen des welligen Asphalts muss man aber aufpassen wo man hintritt. Einige Wohnwägen sind komplett verbaut. Es sieht nicht so aus, als würden sie jemals wieder den Standort wechseln. Wir laufen wieder im Schatten von Kiefern.

Schon die dritte Labestelle, es gibt Cola und Bananen. Für die ersten 15km habe ich 90min gebraucht. Ich fühle mich wunderbar, die Flasche Sport-Iso vom Hofer fülle ich mit Wasser auf, der Campingplatz ist 5km lang und geht bis Ückeritz, km18.

Zeit für mein erstes PowerGel. Nun ein lang gezogener Anstieg im Wald, schnurgerade mit wechselnder Steilheit. Am liebsten laufe ich dort, wo die wenigsten losen Steine liegen. Das ist aber auch der von Radlern bevorzugte Streckenteil. Auch von denen, die entgegen kommen. So bleiben die Sinne geschärft. Das Starterfeld hat sich längst in die Länge gezogen, ganz einsam ist es aber nie. Wir laufen am kleinen Kölpinsee entlang, eine große Schar Enten wartet darauf, gefüttert zu werden. Labe bei km 21,8. Wer hier nach 2,5 Std ankommt, wird aus dem Rennen gekommen, denn das Ziel ist nur 5h20 lang offen.

Nun müssen wir einige Treppen rauf, bevor wir oben wieder in den Mischwald eintauchen. Noch immer Höhenmeter, aber nicht mehr so giftig wie in Bansin. Rechts kann ich einen Blick über die Klippen hinunter auf die Ostsee erhaschen. Holztreppen führen an den Strand hinunter. Frische Meeresluft mit herrlicher Waldluft, was will man mehr? Ich genieße die Strecke und laufe was geht. Aus dem Wald raus in Koserow dann DIE Enttäuschung: Cola ist aus, es gibt nur mehr Wasser und ungezuckerten Tee.

Was soll ich mit ungezuckertem Tee? Ich brauche Energiezufuhr!

Missmutig trabe ich weiter, 2km in der Sonne auf einem Damm mit gekrümmter Oberfläche. Links die B111, gleich daneben Eisenbahnschienen. Hier ist die Insel nur 300m breit. Alle, die von Ost nach West wollen müssen durch dieses Nadelöhr.

In der Mitte vom Damm läuft man halbwegs eben. Links und rechts läuft man am Hang. Das ist auf Dauer unangenehm. Erschwerend kommt hinzu, dass die gepflasterte Dammkrone schmal ist und Radfahrer in beiden Richtungen unterwegs sind. Immerhin ist dieser Streckenabschnitt übersichtlich.  Bei km27 hoffe ich auf einen ergiebigen Versorgungsposten, es ist aber nur eine weitere Kontrollmatte, bevor wir erneut durch einen Campingplatz laufen. In meiner Verzweiflung nehme ich mein zweites PowerGel ohne was zum Runterspülen zu haben.

Im Wald bei km29 verlassen wir den Radweg, es geht holterdipolter querwaldein. Die hervorstehenden Wurzeln sind wohlweislich mit Signalspray markiert worden, sehr gut.

Wie es aussieht, habe nicht nur ich zu kämpfen. Als wir aus dem Wald rauskommen gelangen wir an die verstaute B111, die da unter der Eisenbahn durchführt. Das bietet den Autoinsassen Gelegenheit uns Läufer anzufeuern. So sorgen wir für etwas Abwechslung, in der Sonne ist es doch schon recht warm.

Die Labe von Zinnowitz bei km30,4 hat auch kein Cola mehr, wohl aber gekühlte Schokolade. Die halte ich solange in der Hand, bis sie weich geworden ist. Sub 4h30 kann ich vergessen, dabei war ich so gut im Rennen.

Wir sind nun wieder am Radweg der entlang der B111 führt. Neuer Asphalt und kaum mehr Höhenmeter. Dafür kommt spürbar der Wind von rechts vorne, aus Peenemünde, wenn man so will. Bald stellt sich heraus, dass wir Läufer Hauptursache für den Stau sind. Rechtsabbieger dürfen nur dann abbiegen, wenn gerade kein Läufer kommt. So blockieren sie den anderen Verkehr. Tut mir leid, aber einmal im Jahr muss das drinnen sein. Die Polizisten sind eindeutig auf unserer Seite und sperren großzügig ab.

Hätte ich Geld dabei, würde ich in Trassenheide einen Abstecher in den Supermarkt machen. Stattdessen begutachte am Streckenrand Saurier die Werbung für eine entsprechende Ausstellung machen.

Es ist warm geworden, bald ist es 13h. Auch bei km35,5 in Bannemin gibt es kein Cola mehr. Ein paar 100m danach aber liegt eine Getränkeflasche in der Wiese deren Inhalt sehr nach Powerade aussieht. Sie ist voll, ich bücke mich darum. Sie ist ganz warm von der Sonne, in meiner Flasche aber habe ich frisch kühles Wasser und so mixe ich mir einen Cocktail. Genau das habe ich gebraucht, bald bin ich ständig am Überholen. Bei km38 gibt es doch tatsächlich drei Becherchen Cola, ich nehme mir nur eines.

Am Wolgastrand, (Stadt-)Rand von Wolgast, sperren auf Höhe der HEM-Tankstelle Polizisten für mich die B111 damit ich sie überqueren kann. Noch ein leichter Anstieg, dann geht es bergab. Ich kann wieder zügig laufen. Die B111 biegt rechts weg, wir laufen auf der „Straße der Freundschaft“ auf die blaue Peenebrücke zu, das ist eine Klappbrücke. Brückenzug ist um 12h45, dann fährt der Zug nur bis nach Trassenheide. Das hat Evi bei der Anreise nach Wolgast eine halbe Stunde Wartezeit gekostet.

¾ 1 war es heute schon, die Brücke müsste demnach unten sein. Ist sie auch, aber erst noch ein Geschlängel unter der Fahrbahn durch auf die andere Straßenseite. Aufmerksame Streckenposten leiten uns. Kurz bevor ich über die Peene laufe und somit die Insel Usedom verlasse, bekomme ich noch Wasser zu trinken. Km40 ist dann schon am vorpommerschen Festland. Den großen, malerischen Speicher rechts kenne ich von gestern.

Wieder übernehmen zahlreiche Streckenposten die Wegweiserfunktion und sperren gnadenlos den Autoverkehr. Ich kann zu meiner Freude immer wieder Läufer überholen, fühle mich jetzt auch wieder richtig gut.

Schatten gibt es nun keinen, schlecht für die eifrigen Helfer. Vorbei am Bahnhof Wolgast-Hafen steigt die Strecke leicht an, dann rechts die Berliner Straße rauf und links 800m die Bahnhofstraße runter, das ist beinahe schon die Zielgerade.

Den jungen Helferinnen an den einmündenden Straßen macht ganz offenkundig die Hitze zu schaffen. Dann geht es halbrechts weg, nur mehr 500m. Diese haben gegen Ende noch einen ordentlichen Anstieg parat. Die Allee steigt stetig an und 200m vorm Ziel biege ich rechts ins „Stadion“ ein, gegenüber der Haupttribüne. Eine Kontrollmatte sagt dem Stadionsprecher wer da gerade daher kommt und der sagt es via Lautsprecher allen anderen weiter. Noch eine halbe Stadionrunde auf der Aschenbahn gegen den Uhrzeigersinn und ich habe es „GESCHAFFT“, wie groß am Zielbogen steht.

Ein Trichter leitet mich zur Medaillenüberreichung und da ist auch schon meine Frau und freut sich mit mir. Bereits meine zweite 4h36er-Zeit heuer, bei besserer Versorgung wäre heute mehr möglich gewesen. Das ist jetzt aber egal. Die Strecke ist echt super und abwechslungsreich, sie hat mir richtig getaugt.

Nach dem Duschen gibt es Fanta und Erbsensuppe mit Bockwurst auf Gutschein. Das Erdinger alkoholfrei kostet extra, ist aber nicht teuer.

Die letzten 2 Läuferinnen kommen nach 5h26 rein und werden noch gewertet

Zurück zu unserem Hotel in Heringsdorf geht es per Bahn. Für Marathonläufer und deren Begleitperson ist die Bahnfahrt sogar kostenlos.

Die schnellsten Marathonis:

Sandra Otto                          3h33’32“

Silke Beyer                           3h33’54“

Dörte Ratz                            3h46’41“

Maciej Łucik                         2h46’08“

Henning Ahlert                     2h53’15“

Carsten Schubert                3h00’47“

209 Marathonfinisher  + 16 Vierer-Staffeln

241 Halbmarathonis im Ziel

Leistungen

Startgeld 33,- EURO  

Schöne Finishermedaille (dürfte gerne größer sein) mit gelungenem Medaillenband

Labestellen ca. alle 5km, Wasser, tw Bananen, tw Cola, tw Schokolade

Geile Strecke, sehr abwechslungsreich, nicht immer leicht

die beste Luft überhaupt, v.a. auf den ersten 30km   

Ziellabe: Tee, Limonade, Bockwurst in Erbsensuppe

Duschen, Massagemöglichkeit; Kleiderbeutelabgabe im Shuttle-Bus

Shuttle zum Start, Freifahrt mit der Bahn nach dem Rennen 

Finisher-Urkunde wird einem ausgedruckt, auch zum Herunterladen

Usedom Marathon 88 1536839446

Usedom Marathon 89 1536839446

Usedom Marathon 39 1536839446

Usedom Marathon 71 1536839449

Usedom Marathon 29 1536839449

Usedom Marathon 22 1536839449

Usedom Marathon 42 1536839449

Usedom Marathon 63 1536839449

Usedom Marathon 7 1536839450

Usedom Marathon 24 1536839450

Usedom Marathon 30 1536839450

Usedom Marathon 41 1536839450

Usedom Marathon 89 1536839450

Usedom Marathon 87 1536839450

Usedom Marathon 86 1536839451

Usedom Marathon 44 1536839451

Usedom Marathon 55 1536839451

Usedom Marathon 73 1536839451

Usedom Marathon 99 1536839451

Usedom Marathon 43 1536839452

Usedom Marathon 40 1536839452

Usedom Marathon 89 1536839452

Usedom Marathon 16 1536839453

Usedom Marathon 28 1536839453

Usedom Marathon 26 1536839453

Usedom Marathon 8 1536839453

Usedom Marathon 35 1536839453

Fotos (C) Herbert Orlinger

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