Nachdem erst vor wenigen Monaten Ruth Chepngetich den Marathon-Weltrekord der Frauen um fast zwei Minuten verbesserte, erlebte die Leichtathletik an diesem Wochenende den nächsten Quantensprung:
Jacob Kiplimo aus Uganda pulverisierte in Barcelona den bestehenden Halbmarathon-Weltrekord um fast eine Minute.
Kiplimos historische Rekordzeit
Mit einer unglaublichen Zeit von 56:42 Minuten durchlief Kiplimo die Ziellinie des Barcelona-Halbmarathons – als erster Läufer überhaupt unter 57 Minuten auf der 21,1-Kilometer-Distanz. Ein Leistungssprung dieser Größenordnung sorgt zurecht für Staunen – aber auch für Skepsis. Während ähnliche Steigerungen in den letzten Jahren vor allem im Frauenbereich vorkamen, war eine derart drastische Verbesserung im Männerbereich bislang undenkbar.
Revolution durch Carbon-Laufschuhe
Die jüngsten Entwicklungen im Laufsport zeigen, dass moderne Carbon-Laufschuhe einen erheblichen Einfluss auf neue Bestzeiten haben. Besonders bei den Frauen führte dies seit 2019 zu enormen Rekordverbesserungen: Brigid Kosgei senkte den Marathon-Weltrekord um 1:21 Minuten auf 2:14:04 Stunden, Tigist Assefa steigerte ihn vier Jahre später um 2:11 Minuten auf 2:11:53 Stunden und schließlich unterbot Ruth Chepngetich diese Marke nochmals um beinahe zwei Minuten auf 2:09:56 Stunden. Wir hatten damals mit einer umfangreichen Analyse belegt, dass diese Rekordverbesserung bei den Frauen durchaus realistisch ist: Zweifel am Marathon-Weltrekord: Umfassende Analyse mit interessanten Ergebnissen
Auch im Halbmarathon der Frauen wurde 2021 der Rekord um über eine Minute verbessert.
Im Männerbereich jedoch blieb ein solcher Sprung bis jetzt aus. Seit 1993, als Moses Tanui als erster Läufer die Stundenmarke unterbot und den Weltrekord um 59 Sekunden verbesserte, gab es keine Steigerung von mehr als 30 Sekunden – zuletzt sogar nur minimale Verbesserungen um jeweils eine einzige Sekunde. Kiplimos Leistungssprung von 48 Sekunden ist daher umso bemerkenswerter.
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Kiplimos Potenzial: Die Grundlagen für den Rekord
Der 23-jährige Kiplimo hat sich über die kürzeren Distanzen ein beeindruckendes Leistungsniveau erarbeitet. Seine persönlichen Bestzeiten sprechen für sich:
- 5.000 Meter: 12:40,96 Minuten
- 10.000 Meter (Bahn): 26:33,93 Minuten
- 10 km (Straße): 26:32 Minuten
Bereits 2021 hatte Kiplimo den Halbmarathon-Weltrekord auf 57:31 Minuten verbessert, bevor Yomif Kejelcha ihn um eine Sekunde unterbot. In Barcelona lief er nun einen Kilometerschnitt von atemberaubenden 2:41 Minuten, nur minimal langsamer als bei seiner 10-Kilometer-Bestzeit.
Perfekte Bedingungen und eine überraschende Tempoverschärfung
Barcelona bot nahezu ideale Bedingungen für einen Rekordlauf: 13 Grad Celsius, Windstille und eine schnelle Strecke. Dennoch hatte Kiplimo selbst nicht mit einer solchen Leistung gerechnet. Die Spitze des Rennens plante zunächst eine Pace von 2:45 Minuten pro Kilometer, was auf eine Endzeit um die 58 Minuten hinausgelaufen wäre. Doch bereits nach drei Kilometern wurde Kiplimo das Tempo zu langsam – er übernahm die Führung und passierte die 5-Kilometer-Marke nach 13:34 Minuten, exakt auf Weltrekordkurs.
Mit einem gleichmäßig hohen Tempo zwischen 2:40 und 2:42 Minuten pro Kilometer ließ er die Konkurrenz um Geoffrey Kamworor früh hinter sich. Zur 10-Kilometer-Marke kam er in 26:46 Minuten, bereits 29 Sekunden unter dem alten Weltrekordtempo. Zum Vergleich: Deutschlands Rekord über die 10 km steht bei 27:32 Minuten.
Die 15 Kilometer absolvierte er in 40:07 Minuten, eine weitere Weltbestleistung.
Doch Kiplimo wurde nicht langsamer: Die 20 Kilometer passierte er in 53:42 Minuten, ehe er mit einer fulminanten Schlussphase nach 56:42 Minuten die Ziellinie überquerte. Sein Vorsprung auf den Zweitplatzierten Kamworor? Beeindruckende zwei Minuten und zwei Sekunden.
"Es war das perfekte Rennen"
Nach seinem Lauf zeigte sich Kiplimo selbst überrascht: „Es war das perfekte Rennen – ideale Temperaturen, kein Wind, eine fantastische Strecke. Ich hatte nicht erwartet, unter 57 Minuten zu laufen, das ist erstaunlich.“
Interessant an dem Rennen war, dass Kiplimo bis zum Ende doch einen Tempomacher hatte. Denn das Führungsfahrzeug fuhr nur etwa zwei Meter vor Kiplimo und diente so auch als Windschatten.
Doch mit diesem Leistungssprung stellt sich unweigerlich die Frage: War dies die letzte derartige Verbesserung auf dieser Distanz? Die Halbmarathon-Pace der Männer liegt mittlerweile nur noch minimal über dem Weltrekordtempo auf 10 Kilometern. Weitere große Sprünge scheinen schwer vorstellbar.
Kiplimo: Der neue Marathon-Superstar?
Die Welt wird nun gespannt auf Kiplimos nächstes großes Ziel blicken: Sein Marathon-Debüt am 27. April 2025 in London. Seit dem tragischen Tod von Kelvin Kiptum im vergangenen Jahr ist die Hoffnung auf den ersten offiziellen Marathon unter zwei Stunden in weite Ferne gerückt. Doch mit Kiplimos neuer Halbmarathon-Bestzeit von über drei Minuten unter der Stundenmarke könnte er der nächste Anwärter sein, diesen historischen Meilenstein zu erreichen – vielleicht nicht direkt in seinem ersten Marathon, aber in naher Zukunft. Auf den Marathon umgerechnet ergäbe sein Halbmarathon-Rekordzeit durch Berechnungsformeln zumindest eine Marathon-Endzeit im Bereich von 1:59:00 - 1:59:30 Stunden.
Beim diesjährigen London Marathon wird Kiplimo jedenfalls als der Mann im Fokus stehen – der neue Wunderläufer, der die Leichtathletik-Welt in Atem hält.
Foto: © Erik van Leeuwen, attribution: Erik van Leeuwen (bron: Wikipedia), GFDL, via Wikimedia Commons

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